[ABOUT LIFE] Kontrolle

Ich steige aus dem Bett und sehe an mir runter. Alles scheint gewöhnlich zu sein. Ich trage eine Pijamahose, aber ich habe keine Socken an. Schnell renne ich zum Schrank und ziehe mir welche an. Ungeschützte Füße können gefährlich sein, besonders im Winter. Nochmals blicke ich an mir runter. Kontrolle. Meine Beine werden nun von einer Jeans bedeckt, ich trage Socken und in der linken Hand halte ich das Seil. Alles ist so, wie es sein sollte. Der Tag kann beginnen, so wie jeder andere Tag auch routinemäßig nach Plan beginnt. Kontrolle.

Nach dem Frühstück möchte ich ein bisschen frische Luft schnappen, also ziehe ich mir meine Schuhe und meinen Mantel an, werfe mir noch einen Schal um und verlasse die Wohnung. Es ist niemand zuhause, deshalb hole ich den Schlüssel aus meiner Tasche, schließe die Tür hinter mir und stecke den Schlüssel in das Schloss. Das geht mit einer Hand, gerade noch. Jetzt muss ich aber noch zusperren. Ich drehe den Schlüssel, aber es funktioniert nicht. Ich muss die Tür mit einer Hand fest an mich heranziehen, so fest wie ich nur kann, um mit der anderen Hand den Schlüssel richtig drehen zu können. Das ist nicht gerade einfach, schließlich halte ich das Seil und muss jetzt auch noch gleichzeitig die Türklinke umfassen. Einen kurzen Moment lang glaube ich, dass mir das Seil aus der Hand gleitet, doch ehe das passiert, habe ich die Tür schon zugesperrt und das Seil wieder fest umschlossen. Kontrolle.

Nach einem langen Tag in der großen weiten Welt kehre ich erschöpft zurück. Ich werfe meinen Mantel über den Kleiderhaken, ziehe mir meine Schuhe aus und setze mich auf die Couch. Vom vielen Laufen tun mir die Gelenke weh. Ich strecke meine Füße aus und lasse sie kreisen, bis ich spüre, dass der Schmerz nachlässt und sich meine Gelenke entspannen. Das Gleiche mache ich mit meinen Händen, ich strecke meine Fäuste aus und lasse sie kreisen. Jetzt noch die Finger. Ich sehe zu meiner linken Hand und stelle fest, dass ich sie nicht ausstrecken kann, denn ich halte das Seil fest umschlossen. Kontrolle. Meine Knöchel sind rot und meine Hand fühlt sich taub an, doch ich kann nichts dagegen machen, ich darf das Seil nicht loslassen. Kontrolle.

Wieder in meiner Pijamahose und ohne Socken lege ich mich ins Bett. Ich bin müde und schlafe schon nach einigen Minuten ein. Der Schlaf soll schön und erholsam sein, heißt es. Der Mensch braucht seinen Schlaf. Es ist wichtig, geschehene Ereignisse zu verarbeiten und Energie für den nächsten Tag zu schöpfen. Ich brauche diese Energie, denn ich fühle mich immer schwächer, also bin ich froh, dass ich einfach eingeschlafen bin. Doch plötzlich wache ich auf und ringe nach Luft. Mit meiner rechten Hand greife ich an meinen Hals und spüre das Seil. Es liegt wie eine Schlinge um meinen Hals. Ich streiche mit meinen Fingerspitzen darüber und spüre jede Einzelheit, seine Textur. Vorsichtig entferne ich es von meinem Hals und lege es behutsam neben mich hin. Dabei lasse ich aber das hintere Ende in meiner linken Hand nicht los. Kontrolle. Ich schlafe wieder ein.

Am nächsten Tag blicke ich in den Spiegel und sehe einen rötlichen Abdruck um meinen Hals. Ich hole meinen Puder und decke die Rötung ab. Dabei klemme ich den Puder zwischen den kleinen und Ringfinger, während ich mit den anderen Fingern das Pad halte. Es ist aber zu rutschig, das Case fällt mir aus der Hand und zerbricht am Boden. Tausende Plastikteile liegen am Boden verstreut. Auch der Spiegel, der am Puder befestigt war, liegt in Trümmern vor meinen Füßen. Gott sei dank habe ich Socken an. Kontrolle. Der Puder ist genau auf das Seil gefallen. Ich halte es fest in meiner linken Hand und sehe, dass das andere Ende in einem Bad aus hautfarbenem Puder liegt. Das Seil ist dreckig, ich muss es waschen. Kontrolle.

Ich sehe, dass es draußen regnet und denke, dass ich das Seil in den Regen halten könnte, damit es wieder seine ursprüngliche Farbe annimmt. Die Natur wird das schon für mich regeln. Ich schnappe mir meinen Schirm und hüpfe geschwind vor die Tür unseres Blocks. Dort bleibe ich stehen und sehe zu, wie sich die Farbe langsam vom Seil löst, Tropfen für Tropfen. Übrig bleibt eine leicht hautfarbene Pfütze am Boden. Ich drehe mich um, und möchte wieder zurück in die Wohnung gehen, als ich sehe, dass die Tür langsam zufällt. Für einen Schlüssel war kein Platz, denn in der linken Hand halte ich das Seil und in der rechten meinen Schirm. Kontrolle. Ich möchte losrennen, rutsche aber auf der Pfütze aus. Alles bewegt sich in Zeitlupe. Kontrolle. Vor lauter Schreck gleitet mir das Seil aus meinen Händen. Panik. Ich möchte es mir noch schnappen, da ich selber aber gerade zu Boden falle, erwische ich es nicht mehr. Ich sehe zu, wie es langsam zu Boden fällt. Panik. Zuerst landet das Seil, dann krache ich mit voller Wucht auf den Boden, kann mich aber mit beiden Händen abstützen und das Schlimmste verhindern. Ich liege am Boden und das Seil neben mir. Ich rapple mich auf und sehe es noch ein letztes Mal an. Es liegt genau in der Pfütze und ist von Schmutz bedeckt. Ich klopfe mir den Staub von meinem Mantel, drehe mich um und laufe weg, ohne Seil. Freiheit.

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