[ABOUT LIFE]: Glücklich sein

Es ist gerade erst November geworden, die Umwelt verwandelt sich in ein braun-rot-oranges Meer aus Blättern und die Sonne verschwindet abends schon verblüffend früh. Wir sind gerade im Wechsel zwischen Herbst und Winter, zwischen lockeren Mänteln und dicken Daunenjacken, zwischen Coffee to Go und tagtäglicher Tee-Zufuhr. Auf der einen Seite bewundere ich eben diesen Umschwung, denn ich freue mich schon auf die Weihnachtszeit, auf die zahlreichen Weihnachtsmärkte und das Gefühl, abends durch eine wunderschön beleuchtete Stadt zu schlendern und die ersten Schneeflocken auf meinen Handflächen zu spüren. Auf der anderen Seite ist mir bei dem Gedanken an Minusgrade und gefrorene Zehen gar nicht wohl. Außerdem fürchte ich noch etwas. Etwas, das ich jedes Jahr um diese Jahreszeit aufs Neue spüre, merke und manchmal auch selbst miterlebe. Denn eines ist mir immer wieder aufgefallen und zwar, dass sich zwischen Herbst und Winter nicht nur unsere Umwelt verändert, sondern auch unsere Lebenseinstellung als Menschen.

Es ist die Zeit gekommen, in der sich das Jahr langsam dem Ende zuneigt und sich viele Menschen anfangen zu fragen, was sie das ganze Jahr über eigentlich erreicht haben. Wir fangen an, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, was dieses Jahr alles anders laufen hätte sollen, anstatt uns mit dem zufrieden zu geben, was wir dieses Jahr gewonnen haben. Und ehe man sich versieht, schießen einem die Neujahres-Vorsätze in den Kopf, die man – wie so oft – nicht erreicht hat und das macht unglücklich. Ich beobachte es jedes Jahr wieder, wie Menschen, die im Sommer noch in ihrer großen Blüte standen, in der Zeit des Umschwungs zwischen Herbst und Winter zerbrechen und das nur, weil unser Kalender uns zeigt, dass wieder ein Jahr vorbei sein wird und wir wieder nicht befördert wurden, wir uns wieder nicht getraut haben und wir uns wieder einmal die Chance unseres Lebens entgehen ließen. Es ist nicht nur der Kalender, der solche Gefühle in uns auslöst, denn auch das Wetter trägt entscheidend dazu bei, dass wir das Wesentliche aus den Augen verlieren. Wir Menschen tendieren dazu, alles in unserem Leben grau zu sehen. Der Alltag erscheint uns aber noch grauer, wenn wir das Haus verlassen und uns ein getrübtes Himmelbild entgegnet. Es reicht auch oft schon ein Blick nach draußen, der uns signalisiert, dass es doch eigentlich egal ist, ob man heute überhaupt noch einen Fuß vor die Tür setzt oder nicht.

Die Wochen, die jetzt auf uns zukommen, sind traurigerweise bei sehr vielen Menschen Wochen voller Melancholie, Traurigkeit und Depression. Vorbei ist es mit dem Adrenalin und der Euphorie, die uns den ganzen Sommer lang begleitet haben. Die Menschen werden sich fragen, warum sie eigentlich überhaupt da sind, wenn sie ihre Ziele nie erreichen. Sie werden sich dann betrübt als Opfer der hektischen Gesellschaft darstellen, weil sie müssen ja einfach nur funktionieren, wir alle müssen funktionieren, denn das ist das Einzige, was heutzutage noch zählt. Und falls sie keinen Grund haben, melancholisch zu sein, dann suchen sie sich einen, wie beispielsweise Weihnachten, weil es ja so hektisch ist, alle Geschenke rechtzeitig zu besorgen und das Haus noch zu schmücken. Was von Weihnachten dann noch übrig bleibt, ist einzig und allein ein Stressfaktor, den es eigentlich gar nicht geben müsste. Als ob das nicht schon genug wäre, versuchen wir dann auch noch krampfhaft in den letzten zwei Monaten Zeit, die uns vom Jahr noch übrig bleiben, alles nachzuholen, was wir meinen verpasst oder nicht erreicht zu haben. Wir setzen uns abermals unter Druck, erzeugen somit Dauerstress und das Ergebnis führt uns wie bei all den anderen genannten Punkten wieder zu dieser unendlichen Traurigkeit, die scheinbar gerade im November nicht zu vermeiden ist.

Und dann stehe ich auf der Straße und schaue in die ganzen fahlen Gesichter und frage mich: Warum? Wozu das Ganze? Warum lassen wir uns einreden, dass das Jahr am 31. Dezember vorbei ist und wir gescheitert sind? Sollten wir nicht viel eher das Leben als Ganzes betrachten und daran zurückdenken, wo wir angefangen haben und wo wir jetzt stehen? Glücklich sein bedeutet nämlich nicht, am 31. Dezember draußen zu stehen, in den Himmel zu blicken und sich lobend auf die Schulter zu klopfen, weil man dieses Jahr doch das ein oder andere Mal Joggen war. Glücklich sein liegt ganz allein in unserer Hand. Es heißt, jeden Moment des Lebens zu sehen und sich nicht nur auf eine Jahreszahl zu beschränken. Es heißt, sich über die kleinen Schritte zu freuen, denn jeder Schritt, den man macht, ist es wert, anerkannt zu werden. Es heißt, sich auch zu loben, wenn man trotz Schicksalsschlägen stehengeblieben ist, auch wenn der geplante Schritt vorwärts ausblieb. Gerade erst heute Morgen habe ich bemerkt, dass auch im November die Sonne scheinen kann. Auch im November kann man getrost glücklich sein, denn es ist ein Monat wie jeder andere. Wir sollten aufhören, uns vom Kalender beschränken zu lassen und endlich mal für uns selbst leben. Glücklich sein ist eine Lebenseinstellung. Ich weiß das, weil ich fest daran glaube und deshalb bin ich – trotz November – einfach glücklich.

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