[ABOUT STUDENT LIFE] Wenn das Vögelchen fliegen lernt.

Irgendwann im Leben ist es an der Zeit, das kuschelige und warme Nest zu verlassen und es gegen neues Terrain einzutauschen. Wobei “tauschen” der falsche Ausdruck ist. Vielmehr ist es ein Experiment, ein erster Versuch, Selbstständigkeit vorzutäuschen, obwohl man sich innerlich noch so gar nicht danach fühlt. Es ist nichts Fixes, man versucht langsam den Flugplan zu studieren und kehrt dafür immer wieder zurück ins eigene Nest. Es gibt immerhin einen Unterschied zwischen dem lang ersehnten  Wunsch nach Unabhängigkeit nach abgeschlossener Matura und der Tatsache, schlussendlich wirklich selbstständig zu sein.

Natürlich freut man sich auf die schönen Dinge des Lebens, von denen alle ach so abenteuerlichen Erzählungen schon Studierender handeln und auf die jeder schon während der Schulbank sehnsüchtig wartet: Auf die erste Ersti-Party, von der man morgens erst heimkommt, am nächsten Tag in der Uni den Kater ausschläft und sich schwört, nie wieder Tequila zu trinken. Auf die neue WG, mit der man abends zu laut Musik hört und sich im Euphorie-Rausch Edding-Schnurrbärte ins Gesicht malt, weil es schon viel zu lange her ist, als man das letzte Mal einfach nur verrückt war. Auf die erste Stunde an der Uni, während der man merkt, dass auch ein Studium langweilig sein kann und man sich dabei ertappt, wie man darüber nachdenkt, doch noch schnell ins Flugzeug zu steigen und anstatt einem Jahr Büffeln, ein Jahr in La Réunion zu verbringen, um dort von einem Einheimischen das Surfen zu lernen. Auf die total hippen und coolen neuen Leute, die man unbedingt kennenlernen möchte und sich danach eingestehen muss, dass manche doch nicht so ultraccol sind, sondern einfach nur einen an der Waffel haben. Und auf die Begegnungen, die das Leben verändern, weil man endlich einen Seelenverwandten gefunden hat, der bereit ist, mit dir Tequila gegen Holundersaft einzutauschen… zumindest bis zur nächsten Ersti-Party.

Das Studentenleben ist kompliziert schön, so wie die verschachtelten Sätze, die ich gerade eben gebraucht habe, um die Erwartungen an jenen so angepriesenen Lebensabschnitt so kurz wie möglich zusammenzufassen. Ja, man fühlt sich anders, man kann tun und lassen, was man will und hat das Gefühl, die Welt erobern zu können und das fühlt sich verdammt gut an. Zumindest kurz. Solange, bis die Waschmaschine plötzlich schimmelt, der Papierkrieg mit der Mietzinsbeihilfe beginnt, die eine Prüfung doch nicht so einfach war wie erwartet und man vor dem Multifunktionsstaubsauger von Mami steht und  keinen blassen Schimmer hat wie das Teil eigentlich funktioniert. Der Satz “Das kann doch nicht so schwer sein!” wird zu einem tagtäglichen Begleiter und irgendwann telefoniert man dauerhaft mit seinen Eltern, um sich von ihnen die einfachsten Sachen erklären zu lassen, um sie dann gleich wieder zu vergessen und sie beim nächsten Mal wieder anzurufen. Am besten man speichert die Nummer gleich auf Kurzwahl ein, nur für den Fall.

Irgendwann bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich etwas sehr Wichtiges für mein Leben gelernt habe: Der erste Schritt in die Selbstständigkeit ist Kreativität. Irgendwann sieht man sich selbst, wie man ein Nudelsieb zum Spätzlehobel umfunktioniert, wie man mit Wäschekörben eine Mausefalle bastelt oder wie man einen definitiv zu schweren Einkauf anstatt in einer Tasche einfach mit dem ganzen Einkaufswagen in die eigene Wohnung schiebt. Denn es gibt nicht einen richtigen Weg, wie man ein Hindernis meistern kann, es gibt unendlich viele und wenn man gerade keinen parat hat, erfindet man sich einfach einen neuen. Und wenn du eines Tages merkst, dass du deine Eltern schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr angerufen hast, dann bist du dabei, langsam deine Flügel auszubreiten und loszufliegen.

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